Kommentar
 - 15.03.2010

Ein Leben ohne alphabetische Tastatur

Die Schweizer sind ein fleissiges Völkchen. Wir stecken eigentlich alles weg: Unbezahlte Überstunden, schlecht bezahlte Praktika und besser bezahlte 60-Stunden-Wochen im Krankenhaus. Denn insgeheim wissen wir, dass sich das alles für uns noch auszahlen wird. Sei es mit einer Ferienwohnung im Tessin, einem Zweitwagen oder den wohlverdienten Ferien in der Südsee.

André Müller

Die Uhr, das Symbol für Schweiz und Schweizer. Bild: Homero Chapa/stockvault.net
Die Uhr, das Symbol für Schweiz und Schweizer. Bild: Homero Chapa/stockvault.net

Kapitalakkumulation

Gleichzeitig herrscht bei uns ein grosser sozialer Druck auf dem Einzelnen, dass er ja seine Zeit sinnvoll nütze und aus jeder Minute das Maximum heraushole, was daraufhin als Selbstverwirklichung bezeichnet wird. Das gilt für Arbeit und Weiterbildung, aber nicht weniger für die Freizeit. Schon Kinder lernen Musikinstrumente und treiben Sport, schliesslich wollen auch sie mal "etwas werden". Sogar das Wochenende muss optimal ausgenützt werden, wer nicht in den Club geht, "hat schon etwas verpasst." Selbst Beziehungen werden zur ökonomischen Nutzenmaximierung unterhalten, schliesslich will man seine wenigen Freistunden nur mit den besten Freunden verbringen, die einem in Zukunft auch nützlich sein könnten. Soziales Kapital, nennt das Pierre Bourdieu, welches man zu gutem Wechselkurs wieder in ökonomisches Kapital umtauschen kann.

 

Die Doppelrolle der Frau

Seit der Emanzipation lastet der Hauptdruck auf den Frauen, die neu auch ihre Träume zu leben haben. Sie müssen schön, intelligent, erfolgreich und Teilzeit-Power-Mami werden, die alles in 24 Stunden unter einen Hut bringt. Klar muss man irgendwo Abstriche machen, aber wenn es die glücklichen Frauen in der Schweizer Illustrierten können, dann kann das Frau Hueber aus Schlieren noch lange.

 

Doch auch die Männer müssen das Maximum aus ihrer Zeit herausholen. Wer nicht ins Fitnessstudio geht, hat auf dem Beziehungsmarkt natürlich schlechte Chancen und muss sich zu einem billigeren Preis verkaufen und verheiraten. Daneben muss er laufend seine Karriere und sein CV auf Vordermann bringen. Denn ein Hausmann wird zwar in den Zeitungen gelobt, von seiner Stammrunde trotzdem belächelt.

 

Keine Enten

Nur wo bleibt die Zeit, um den Enten zuzuschauen? Wo bleibt die Zeit, um herauszufinden, ob die Schneebälle den Briefkasten treffen? Wann überlegt man sich, warum die Tastatur nach A-S-D-F angeordnet ist und nicht nach dem Alphabet? All diese Tätigkeiten tragen nichts dazu bei, das Bruttoinlandprodukt zu steigern oder Humankapital zusammenzuraffen. Und dennoch machen sie Spass, denn sie lassen uns finden, erfinden und entdecken. Kindern ist das die ersten fünf Jahre ihres Lebens gegönnt, die nächsten 77 Jahre müssen auch sie schlank, fit, effizient und wettbewerbsfähig sein, um "es zu schaffen".

 

Eine Volkswirtschaft, die mit einem Prozent im Jahr wächst, verliert den Anschluss und muss auf Diät gesetzt werden, keine Sozialprogramme und Extrawürste mehr für die Bevölkerung, sonst ziehen die anderen Länder vorbei im Standortwettbewerb. Stagnation ist Rückschritt. Der Tourist muss seinen Destinationen nachhetzen und sie durchfotografieren, der Businessmann würgt sein Sandwich hinunter und der Jugendliche säuft sich in 20 Minuten ins Koma. Zeit ist Geld.

 

Gute Nacht!

So arbeiten wir, bis wir 65 sind. Danach bleiben wir halt im Garten, statt die Weltreise zu machen, denn der Rücken hat unter der jahrelangen Plackerei schon etwas gelitten. Plötzlich versinken wir in der ganzen leeren Zeit, die nun auf uns einprasselt und nicht mehr maximiert werden kann. Das wird auch gar nicht mehr erwartet, nun darf man einen ruhigen, schönen Lebensabend verbringen, bis die Nacht hereinbricht.

 

Aber die rüstigen Rentner haben vergessen, wie man den Enten zusieht. Sie werfen keine Schneebälle auf Briefkästen nur um zu sehen, ob man sie auch trifft. Sie stellen sich keine A-B-C-D-Tastaturen mehr vor, weil man ja doch zu alt ist für diesen neuartigen Kram. Sie tragen nichts mehr zum Bruttoinlandsprodukt bei und warten höchstens noch auf die Anrufe ihrer Kinder, doch diese leben gerade ihren Traum und haben keine Zeit.

 

Hat sich ein solches Leben ausgezahlt? Nicht in Zinserträgen und Altersrenten, sondern in Glücksmomenten? Die Schweiz ist eines reichsten Länder der Welt und ist auch um ein Vielfaches reicher, als sie es vor 60 Jahren war. Wir stellen so viele Güter und Dienstleistungen her, aber wir lassen uns keine Zeit mehr, diese zu geniessen oder zu hinterfragen. Und weil wir dauernd von Gütern überschwemmt werden, wird uns selbst alles zum ökonomischen Gut: Die Ente, der Schneeball, der Grossvater.

 

Nun, vielleicht ist dieser Text zu lang geraten und niemand liest ihn. Das wäre wohl besser so, schliesslich akkumuliert er kein Kapital, er ermuntert nicht unbedingt dazu und will, dass die Menschen Enten und Tastaturen suchen. Trotzdem hat es Spass gemacht, ihn zu schreiben. Einfach so.

Kommentare

Naomi, 07-05-10 10:42:
Auf den ersten Blick ein schöner Text mit viel Wahrheit, aber: Wir leisten vielleicht viel - nicht alle, gibt gerade in der Schweiz Menschen die ihr Geld sehr leicht verdienen und auch genügend Freizeit oder Ferien haben den dieses auszugeben und das Leben zu geniessen - ja und wer zuwenig Ferien hat, der kann sich ein halbes Jahr unbezahlten Urlaub oder noch länger gönnen - weil, man kann es sich ja leisten. Ich weiss, dass es nicht allen Schweizern oder in der Schweiz wohnhaften so geht, aber doch schon ziemlich vielen in den Kreisen in welchen ich verkehre - Mittelschicht und die Mittelschicht ist bei uns im Butget eben schon relativ gross dabei. Uns geht es doch super, wer sich zuviel Leistungsdruck auferlegt, hat diesen ein Stück weit auch selbst gesucht oder hat sich selbst zum Sklaven eines "Idealbilds" gemacht, dass lange nicht jeder leben muss.
Kurzum: ich glaube es gibt kaum ein Land in dem man sich Enten füttern und die schönen seiten des Lebens geniessen so gut leisten kann wie in der Schweiz..
Philipp, 20-03-10 13:58:
Ich denke es geht vielen so wie in diesem Artikel beschrieben. Auch mir. Durch wirtschaftliche Entwicklung, Wohlstand, Globalisierung und world wide web haben wir so viele Möglichkeiten und Informationen erhalten. Die zur Verfügung stehende Zeit ist aber immer noch gleich, 24h am Tag und davon muss ja bekanntlich ein Teil zum schlafen verwendet werden (übrigens für mich etwas vom schönsten das es gibt und für die Kritiker, nein, das ist keine verlorene Zeit :-) Die Kunst ist heute die richtigen Informationen und Möglichkeiten auszuwählen, d.h. alles auszufiltern was nicht passt. Und das überfordert schlicht viele bei der ganzen Flut von Optionen. Automatisch ergibt sich so eine ständige Planung und Filterung um das Optimum heraus zu holen. Andy Müller hat recht. Wieso nicht einfach mal wieder die Seele baumeln lassen, ohne strategische Überlegungen oder Ansätze von Maximum- und Minimumprinzip. Eigentlich wissen wir es alle und doch lassen wir uns in diese Spirale ziehen und setzen uns sogar in der Freizeit unter Termindruck. Kürzlich hatte ich eine grosse Reise ans andere Ende der Welt gemacht, habe da bei einer Gastfamilie gelebt und bin in die Sprachschule gegangen. Eine unbeschwerte Zeit ohne Druck und Erwartungen, Terminplanungen und dauernd einwirkenden Stressfaktoren. Ich kann das jedem empfehlen. Das hat mich auf den Boden zurück geholt und mir klar gemacht um was es eigentlich geht. Der Weg ist das Ziel.... Das Leben zu erleben, zu schmecken, zu fühlen.... statt immer irgend etwas anderme hinterher zu rennen was noch besser sein könnte. Nicht das wir uns missverstehen. Ich bin mittlerweile seit 6 Wochen zurück von meiner tollen Reise und bereits daran wieder in diesem Sumpf einzusinken aber ich bemühe mich das Gefühl der Freiheit ohne Druck nicht zu vergessen.
Claude, 19-03-10 08:55:
Na ja, wir sind eigentlich so reich, weil wir einst das fleissigste Volk der Erde waren. Viele sind doch früher auf Reisen und haben starke Handelsbeziehungen aufgebaut. Also noch etwas gutes aus dem Glück gemacht. DAS EIGENTLICHE PROBLEM ist nicht das viele Arbeiten, sondern die herangehensweise an die Arbeit. Wenn man in einer Stinklaune einer Arbeit nachgeht, dann bringt das sicher kein Glück. Aber ist nicht jeder für etwas geboren und hat damit eine Aufgabe, für die es sich hart zu Arbeiten lohnt? Das kann das Leben erfüllen und wirklich glücklich machen. Und wenn man zudem PSALM 127:1- 2 und Psalm 128 beachtet, wird man bestimmt glücklich, auch weit über das Pensionsalter hinaus.
Daniela, 18-03-10 19:08:
Mir gefällt der Text.
Ich gehe gern (wenn auch nicht oft genug) Enten füttern, die Schneebälle bekommen die ab, die mit mir spazieren gehen und die Tastatur lass ich mal lieber wie sie ist. Habe schliesslich ein paar Monate gebraucht um damit klar zu kommen.
Werde gleich einen Link in meinen Online-Kurs anbringen. Meine Kursteilnehmer hatten heute die Aufgabe diesen Tag etwas aktiver oder etwas ruhiger zu gestalten. Das passt doch perfekt. Danke.
Priska, 18-03-10 13:30:
ich weiss nicht aber der Text von André Müller find ich jetzt keine journalistische Glanzleistung.
Stefan, 18-03-10 13:17:
gute gedanken, süffig abgefasst.
wer spannweite hat, dem bleibt
trotz allem die zeit für schneebälle
und was auch immer. es ist bloss
die frage der rechnergrösse.
julie, 18-03-10 10:47:
Guter Arktikel aber keine Neuigkeit. Das ist der Stoff über den jeder von uns mindestens einmal in der Woche nachdenkt weil wir den Strom und den Druck nicht aushalten oder nicht aushalten wollen. Befreiung daraus bedeutet aber auch andere Nachteile akzeptieren zu müssen. Wer ist dazu bereit? Nicht mehr in den Urlaub zu fahren und den Kindern nicht mehr "alles" bieten zu können. Das sind doch nur Ausnahmen. Die Zeit um mal Enten oder Blätter zu beobachten haben wir alle und es macht glücklich, kurz. Und das sind die Momente an die wir uns erinnern wenn es uns nicht gutgeht. Es ist kein neues Thema sondern von uns jedem denke ich schon tausendmal durchdacht und gewünscht worden. Wer möchte kann es anders machen. Ob sich die Gesellschaft soo schnell ändern kann dass wir dadurch keinen Mangel verspüren wage ich aber zu bezweifeln.
B, 18-03-10 09:38:
Das Problem ist aber auch, dass die Möglichkeiten den Genusses um ein vielfaches gewachsen sind. Genuss fällt doch heute auch schon unter Konsum. Die angepriesene Weltreise ist ein Phänomen der Neuzeit. Vor 50 Jahren wäre das fast unmöglich gewesen.

Die Verhältnisse rücken auseinander. Konsum haben wir antrainiert bekommen. Wettbewerb bestimmt das Leben. Leider... Ganz doof gesagt aber auch die Natur.

Ich glaube den Wunsch äußern zu können, das Leben genießen zu wollen ist ein Luxus der Neuzeit. Und da wird es ambivalent. Man kann diesen Mangel nur feststellen, weil diese Möglichkeit durch Phänomene der Neuzeit wie z.B. Globalisierung, Konsum oder die Technikrevulotion in reale Nähe rückt. Dafür ist es umso trauriger, dass wir dieses Ziel vor Augen haben aber noch nicht ohne sozialen oder wirtschaftlichen Abstieg erreichen können. Wahrscheinlich müssen wir uns durch dieses Zeitalter kämpfen um unseren Kindern beizubringen anders zu sein ;)
Nikolai C.C., 18-03-10 09:21:
Genau deswegen bin ich mit 45 aus dem Computervertriebsjob raus, erstmal 9 Monate durch Asien auf Yogatour, nur noch 1x die Woche ins Internetcafe, viel lesen, Luft holen, der beigleitenden Freundin ging es gleich.
Und nun, ein paar Jahre später, arbeite ich an einem gemeinnützigen, internationalen Projekt, geboren in Turin, Italien, acht Länder sind schon online: Memoro - Die Bank der Erinnerungen e.V., Menschen, ab 65 berichten in kurzen, 5 min. Videoclips aus Ihrer Jugend für die heutige Jugend: http://www.memoro.org/de-de/
Take a look, if you want. Erzähler gesucht, auch Filmer, die selbst filmen und die Clips hochladen..eine wunderschöne Möglichkeit für den Generationendialog, der viel relativiert.
Gruß aus München
simal, 18-03-10 09:21:
weise einsichten schon so früh im leben ... ich gratuliere und ermutige dich weiterhin deine wahrheit zum ausdruck zu bringen!

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