Linguissimo 2009
 - 13.10.2009

Musik – Schatzhüter, Apfelbaum und Lebenselixier

Im Vorfeld von Linguissimo 2009 reichten die Teilnehmer Texte zum Thema "Meine Beziehung zur Musik" ein. Christine Schmockers Beitrag gilt als einer der gelungensten.

Christine Schmocker

Schon früh hatte Christine den Wunsch Geige zu spielen. Foto: pixelio.de/segovax
Schon früh hatte Christine den Wunsch Geige zu spielen. Foto: pixelio.de/segovax

Mit fünf Jahren, als mein kindliches Gemüt noch kaum Hemmungen kannte, sang ich überall, wenn ich nur irgendwie Lust dazu verspürte. Meistens geschah dies auf der Schaukel des Spielplatzes oder auch im Postauto, welches mein kleines Städtchen Erlach an die restliche Welt anzuschliessen versucht. Ich galt, wie ich mir später erzählen liess, als die ‚singende Erlacherin’. Wenn meine Mutter mit mir den Arzt im Nachbardorf aufsuchte, pflegte dieser als Erstes zu fragen: "Hat sie auf dem Hinweg gesungen?" – und wenn Mama daraufhin den Kopf schüttelte, wusste er, dass mir tatsächlich etwas fehlte. Man könnte nun also vermuten, dass ich schnellstmöglich die erstbeste Gesangsschule ausfindig machte, um meiner Leidenschaft uneingeschränkt frönen zu können…

 

Es begab sich nun aber damals, dass in unserer Nachbarswohnung eine talentierte junge Geigerin hauste. An so manchem Nachmittag, wenn die ältere Schwester in der Schule sass und der jüngere Bruder in seinem Bettchen schlief, stahl ich mich also zu dieser hinüber und lauschte ihrer Musik, um die böse Langeweile zu vertreiben. Es ging nicht lange, bis das kleine Christinchen bei den Eltern den Wunsch äusserte, ihr eine Geige zu kaufen und sie zum Unterricht in die Musikschule zu schicken. Allerdings war jenes Christinchen damals ein eher sprunghaftes Wesen, es fielen ihm alle zwei Tage neue verrückte Ideen ein, und der Geigenwunsch musste sich erst als beständig erweisen.

 

So kam es, dass ich, als Einstieg in die Welt der Instrumente, während zwei Jahren einen Kurs besuchte, in dem wir Schüler selber eine Flöte aus Bambus herstellen und darauf spielen lernten. Obwohl die Nachbarin mittlerweile per Stipendium an eine Hochschule der Musik nach Berlin gezogen war, hatte sich mein Traum vom Geigespielen noch nicht verflüchtigt.

 

Ich schloss also – mit einem weinenden Auge, denn auch sie war mir lieb geworden – die Bambusflöte in den Schrank und fuhr tags darauf mit strahlendem Gesicht zum Musikgeschäft Krompholz nach Bern, wo ich mir eine Mietgeige auswählen durfte.

Wie klein meine erste Geige war! Wie verschwindend leise und kläglich war ihr Klang! – Und wie gross hingegen war mein Stolz…

 

Heute habe ich eine richtige, normalgrosse Geige, besuche noch immer regelmässig den Unterricht und führe das zweite Geigenregister im Orchester unseres Gymnasiums. So talentiert wie meine ehemalige Nachbarin bin ich leider bei Weitem nicht, trotzdem erfreue ich mich immer wieder ab den Klängen, die ich diesem geformten Stück Holz zu entlocken vermag.

 

Musik ist  für mich ein Wunder. Da spielt es keine Rolle, ob es eine eigene Trällerei unter der Dusche, ein Trompetenstück meines Bruders oder eben ein Violinenkonzert ist; immer rühren die Töne etwas in meinem Innern und rufen ein bestimmtes Gefühl hervor.

 

Emotionen sind bei mir also ganz stark an Musik gebunden. Kürzlich besuchte ich das Konzert jener Band, die unsere Theatergruppe beim letzten Projekt mit ihrer Musik unterstützt hatte. Als die Klänge des Eröffnungssongs unseres Theaterstückes unerwartet den Raum zu erfüllen begannen, spürte ich plötzlich Tränen meine Wangen hinunter rinnen. Ich wurde von eine riesigen Welle der Wehmut übermannt, stand stocksteif und unablässig weinend inmitten der tanzenden Konzertbesucher, bis der Song vorüber war. Das Lied hatte den Deckel einer vergessen geglaubten Schatztruhe gehoben und hunderte von Goldstücken in Form von wunderbaren Erinnerungen hervorblitzen lassen.

 

Mittlerweile werte ich diese Gabe, schöne Erlebnisse oder auch ein bestimmtes Gefühl an ein Musikstück geschmiedet in mein Gedächtnis einbrennen zu können, als wertvolles Geschenk, das es auszukosten gilt. So wähle ich beispielsweise immer einen „Monatssong“. Ich suche mir also ungefähr alle vier Wochen ein Lied aus, das ich in nächster Zeit gerne sehr viel hören möchte, und gebe diesem den Auftrag, mich später an genau diesen Monat zu erinnern. Oft beachte ich dabei den Text des Songs. Während der Sommerferien höre ich zum Beispiel gerne etwas Unbeschwertes, vor Theateraufführungen etwas Aufweckendes und Zuversichtliches, in kummervollen Zeiten Lieder mit tiefgründigem oder tröstendem Text. Es kommt ohnehin kaum vor, dass ich mir ein Musikstück anhöre, ohne dabei auf die Worte zu achten. Wie viele englische Ausdrücke lernte ich nur dank Liedern, deren Aussage ich bis aufs Letzte verstanden gehabt haben wollte und dafür das Übersetzungswörterbuch zur Hand nahm… Es gibt sogar einige Songs, die mir vom Musikstil her eigentlich überhaupt nicht zusagen würden, die ich mir aber dank ihres Textes gerne anhöre.

 

Musik ist eben nicht gleich Musik. Um zu beschreiben, wie Musik für mich sein muss, verwende ich am liebsten das Bild eines Baumes. Wie gerne blickt man doch einen prächtigen, kräftigen Apfelbaum an, der weiss in voller Blüte steht, oder der einem im Herbst mit seinen Früchten das Wasser in den kühlen, nebelfeuchten Backen zusammenlaufen lässt! Genau wie der braucht auch Musik Wurzeln, die sie an ihren Ursprung erinnern; an die Absicht, mit der sie geschaffen wurde, wegen der sie also überhaupt entstanden ist. Sie braucht eine dichte Blätterkrone, die versteckte Botschaften und Feinheiten zu verstecken und den genauen Beobachtern zu enthüllen vermag. Sie braucht Luft um sich herum, der sie frischen Atem einhauchen kann. Und sie braucht eine wärmende Sonne über ihr, die sie blühen und Früchte tragen lässt, die sie an ein Ziel streben lässt.

 

Angesichts dieser Ansprüche, die ich an die Musik stelle, ist es wohl kein Zufall, dass meine Lieblingssongs von den erfolgsgekrönten Beatles stammen. Die Beatles machten unter anderem mit der bewundernswerten Absicht Musik, mit gängigen Gesellschaftskonventionen zu brechen, Biederkeit und Prüderie die Stirn zu bieten. Ich finde es unglaublich, wie viel diese vier Musiker damit in ihrer gemeinsamen Zeit erreicht haben; welche Emotionswellen sie in ihren Fangemeinden auslösen konnten, was für unterschiedliche und vor allem auch innovative Stile sie in ihre Songs einfliessen liessen. Weder machten sie vor Texten über Homosexuelle Halt, noch hinderte sie ihr Erfolg daran, weiterhin barfuss die Welt zu erkunden.

 

Ich habe grosse Achtung vor Musikern, die sich nicht von den bequemen Aussichten, die eine Erfolgskarriere bietet, blenden lassen. Wer dank seiner Musik zu Geld und vielleicht auch zu einer Vorbildsfunktion kommt, sollte seine Mittel auch dementsprechend einsetzen und beispielsweise – wie das die kolumbische Sängerin Shakira mit ihren Kinderheimen getan hat – soziale Institutionen gründen. Für Stars, die für ihre Garderobe drei Badezimmer, eine spezielle Popcornmaschine und Armani-Vorhänge beantragen, habe ich keinerlei Verständnis.

 

Nun ja, manchmal habe ich ohnehin den Eindruck, dass um die heutigen Sternchen im Musikbusiness einen viel zu grossen Aufruhr gemacht wird. Bestimmt gibt es viele darunter, die musikalisch einiges zu bieten haben, und auch so ein richtiges Konzert ist sicherlich ein grossartiges Erlebnis. Die meisten Augenblicke, die dank Musik unbezahlbar wurden, habe ich allerdings nicht während des Hitparadehörens erlebt, auch nicht an einem Gig im Hallenstadion, eingequetscht inmitten schwitzender Körper.

 

Die Augenblicke, die dank Musik unbezahlbar werden, können sich ganz unvorhergesehen ins Leben stehlen. Seien es leise Gitarrenklänge, die mit den Brandungswellen des Sees eine Melodie in den Nachthimmel zu schicken scheinen, sei es das Lied eines kleinen Kindes, das sich an meiner Hand festklammert, sei es die zauberhafte Melodie eines Strassenmusikanten, der mit seinem Dudelsack den Bernergassen Fröhlichkeit einhauchen will – Musik ist dann unbezahlbar, wenn sie dir das Gefühl gibt, du seiest zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

 

Möge mich der Zugang zur Musik nie verlassen, damit ich dank ihr noch oft diese glückselige, und ich würde sagen – lebenswichtige Empfindung verspüren darf.

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*

*
*
Artikel finden
Tink.ch Magazin
Get-Together: Tag 19
Festivalkalender.ch
Newsletter abonnieren
Team